{"id":754,"date":"2014-03-07T06:53:08","date_gmt":"2014-03-07T06:53:08","guid":{"rendered":"http:\/\/chili.leven.ch\/?p=754"},"modified":"2016-04-25T13:33:43","modified_gmt":"2016-04-25T13:33:43","slug":"die-frau-an-der-bushaltestelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/chili.mariane.ch\/?p=754","title":{"rendered":"Die Frau an der Bushaltestelle"},"content":{"rendered":"<p>Ich verbrachte zwei Tage und zwei N\u00e4chte im Zug. Auf dem obersten Bett versuchte ich mich von den manchmal starrenden Blicken zu verbergen und meinen Frieden zu haben. Es waren lauter junge M\u00e4nner und keine Familie um mich herum. Das ist mir immer etwas weniger angenehm. Aber was solls. Ich h\u00f6rte ein ganzes H\u00f6rbuch durch und las, denn das Wetter war weniger zum aus dem Fenster schauen. Nur Varanasi (einer der heiligsten St\u00e4dte der Hindus) wollte ich zumindest im vorbeifahren begutachten.<\/p>\n<div id=\"attachment_793\" style=\"width: 650px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/chili.leven.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/DSC_3605.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-793\" class=\"size-large wp-image-793\" title=\"DSC_3605\" src=\"http:\/\/chili.leven.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/DSC_3605-1024x685.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"428\" srcset=\"https:\/\/chili.mariane.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/DSC_3605-1024x685.jpg 1024w, https:\/\/chili.mariane.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/DSC_3605-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-793\" class=\"wp-caption-text\">Blick aus dem Zug w\u00e4hrend der l\u00e4ngsten der unz\u00e4hligen Zugfahrten.<\/p><\/div>\n<p>Nach dieser Fahrt war ich in Kalkutta. Einer ganz speziellen Stadt. Sie hat einen seltsamen Charme oder ich erwischte sie auf dem richtigen Fuss. In der Jugendherberge bekam ich ein Zimmer, obwohl eigentlich keines mehr frei war. Es war sauber und heimelig. Das Essen fantastisch. Danach ging es auf zum Victoria Memorial. Einem spannenden Geb\u00e4ude, das allerdings vor allem durch die Ausstellung zur indischen Geschichte gl\u00e4nzte. Ich erfuhr viel und war ganz gl\u00fccklich. Am n\u00e4chsten Tag erhielt ich die besten Tipps, wohin ich sin Kalkutta sonst noch gehen sollte.<\/p>\n<div id=\"attachment_803\" style=\"width: 650px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/chili.leven.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/DSC_3611.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-803\" class=\"size-large wp-image-803\" title=\"DSC_3611\" src=\"http:\/\/chili.leven.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/DSC_3611-1024x685.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"428\" srcset=\"https:\/\/chili.mariane.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/DSC_3611-1024x685.jpg 1024w, https:\/\/chili.mariane.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/DSC_3611-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-803\" class=\"wp-caption-text\">Geb\u00e4ude in Kalkutta, die von der Kolonialen Vergangenheit berichten.<\/p><\/div>\n<p>Ich machte mich also auf zum Birla Tempel, bei dem ich mir erstmals die Z\u00e4hne aus biss, denn der W\u00e4chter wollte mich partout nicht passieren lassen. Keine Chance. Denn ich durfte meine Kamera nicht mitnehmen. Abgeben geht ebenfalls nicht. Dass all die Inder eine Handycamera haben schien ihn nicht zu interessieren. Ich bot ihm die Batterie meiner Kamera an. Nichts. Er sch\u00fcttelte stur den Kopf. Es war als w\u00fcrde er allgemein nicht viel von Touristen halten, die einen Tempel besuchten.<\/p>\n<div id=\"attachment_804\" style=\"width: 650px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/chili.leven.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/DSC_3704.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-804\" class=\"size-large wp-image-804\" title=\"DSC_3704\" src=\"http:\/\/chili.leven.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/DSC_3704-1024x685.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"428\" srcset=\"https:\/\/chili.mariane.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/DSC_3704-1024x685.jpg 1024w, https:\/\/chili.mariane.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/DSC_3704-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-804\" class=\"wp-caption-text\">Der Birla Tempel von der Seitenstrasse.<\/p><\/div>\n<p>Da die CIMA Art Gallery allerdings gerade um die Ecke war, suchte ich erstmals diese auf, doch auch da kein Gl\u00fcck. Sie \u00f6ffnet Montags erst zwei Stunden sp\u00e4ter. Ich telefonierte also erstmals eine Runde, schrieb ein bisschen und setzte mich dann bei der Bushaltestelle hin. Zwei Sitze von mir entfernt sass ein M\u00e4dchen. Zumindest dachte ich das beim ersten Anblick, doch die furchigen H\u00e4nde und geschundenen F\u00fcsse erz\u00e4hlten etwas anderes. Eine l\u00e4ngere Geschichte. Sie l\u00e4chelte.<\/p>\n<p>&#8220;Do yo need something?&#8221;<\/p>\n<p>Ich war \u00fcberrascht, dass sie Englisch sprach, denn sie schaute eher wie eine Obdachlose aus. Ich fragte nach dem Bus. Ein Mann auf seinem Roller hielt an und fragte, als w\u00fcrde mich die Frau bel\u00e4stigen, ob er mir helfen k\u00f6nnte. Gemeinsam fanden wir heraus welcher Bus mich in die Jugendherberge zur\u00fcckbringen w\u00fcrde. Sp\u00e4ter.<\/p>\n<div id=\"attachment_805\" style=\"width: 650px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/chili.leven.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/DSC_3673.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-805\" class=\"size-large wp-image-805\" title=\"DSC_3673\" src=\"http:\/\/chili.leven.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/DSC_3673-1024x685.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"428\" srcset=\"https:\/\/chili.mariane.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/DSC_3673-1024x685.jpg 1024w, https:\/\/chili.mariane.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/DSC_3673-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-805\" class=\"wp-caption-text\">&quot;Mach ein Foto von mir, mach ein Foto von mir. Der kleine Junge (den ich beim Petflaschen sammeln kennen gelernt hatte) dahinter und ich, wir haben uns nur angeschaut. Manchmal versteht man sich ohne Worte.<\/p><\/div>\n<p>Wir sassen einen Moment lang schweigend da. Dann begann die Frau zu sprechen. Wie ein Wasserfall, aber auch wie ein Orakel. Sie war intelligent, liebensw\u00fcrdig und stolz. Sie wusste \u00fcber die Ausstellung in der Galerie Bescheid und schien auch sonst die ganze Stadt zu kennen. Die Menschen schauen mich indessen seltsam an. Als w\u00fcrden sie sich fragen, warum ich mich mit dieser Bettlerin unterhielt. Aber sie war keine Bettlerin. Sie heisst Sumita und lebt seit einiger Zeit an dieser Bushaltestelle. Bewusst fragt sie nicht nach Geld und ich bewundere ihre Lebensfreude. St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck erfahre ich einen Teil ihrer Geschichte, aber nur Fetzen. Ich m\u00f6chte nicht dr\u00e4ngen. Ich h\u00f6re einfach zu und beobachte fasziniert, wie sie aufgeregt zu lachen beginnt und mich anschaut, wenn sich eine ihrer Geschichten dem Ende zu neigt.<\/p>\n<div id=\"attachment_806\" style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/chili.leven.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/DSC_3671.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-806\" class=\"size-medium wp-image-806\" title=\"DSC_3671\" src=\"http:\/\/chili.leven.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/DSC_3671-200x300.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/chili.mariane.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/DSC_3671-200x300.jpg 200w, https:\/\/chili.mariane.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/DSC_3671-685x1024.jpg 685w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-806\" class=\"wp-caption-text\">Im Garten vor dem Victoria Memorial. Eine Oase f\u00fcr frisch verliebte, indische P\u00e4rchen, die k\u00fcssend unter den B\u00e4umen verteilt sitzen.<\/p><\/div>\n<p>Sie weist mich zeitig darauf hin, dass die Ausstellung von Jogen Chowdhury jetzt offen ist und ich schaue mich dort um. Sehr empfehlenswert. Da ist sogar ein Portrait von Jimy Hendrix dabei, das von ihm als Dank signiert wurde, aber es ist auch viel \u00fcber das indische Leben zu erfahren. Danach kehre ich zur\u00fcck an die Bushaltestelle. Wir unterhalten uns weiter. Sumita ist sehr gl\u00e4ubig. Aber sie missioniert nicht. Sie findet da wohl einfach ihren Halt. Familie hat sie keine mehr, aber einige Freunde hier an der Bushaltestelle und Essen erh\u00e4lt sie immer p\u00fcnktlich bei der Strassenk\u00fcche gegen\u00fcber. Ich verspreche am kommenden Tag wieder zu kommen.<\/p>\n<div id=\"attachment_807\" style=\"width: 650px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/chili.leven.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/DSC_3661.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-807\" class=\"size-large wp-image-807\" title=\"DSC_3661\" src=\"http:\/\/chili.leven.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/DSC_3661-1024x685.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"428\" srcset=\"https:\/\/chili.mariane.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/DSC_3661-1024x685.jpg 1024w, https:\/\/chili.mariane.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/DSC_3661-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-807\" class=\"wp-caption-text\">Und das Victoria Memorial. Ein beeindruckendes Bauwerk, w\u00e4hre es zu einem anderen Zweck errichtet worden.<\/p><\/div>\n<p>Gesagt getan. Sie isst gerade. Das Essen duftet herrlich. Sie erz\u00e4ht, wie ihre Decke geklaut wurde aber auch, dass dies hier ein guter Platz ist, denn die Polizei ist in der N\u00e4he und auch immer genug Taxifahrer. Hin und wieder bietet ihre ein Mann an in sein Auto zu steigen. Deutet sie an, doch sie will nichts davon wissen. Sie ist vierzig Jahre alt und ich kann es kaum glauben. Nur schweren Herzens verlasse ich meinen Sitz an der Bushaltestelle beim Birla Tempel. Wir umarmen uns und ich mache mich mit dem Zug auf nach Darjeeling. Sie verspricht mir einen Brief zu senden, wenn sich ihre Situation verbessert hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich verbrachte zwei Tage und zwei N\u00e4chte im Zug. Auf dem obersten Bett versuchte ich mich von den manchmal starrenden Blicken zu verbergen und meinen Frieden zu haben. Es waren lauter junge M\u00e4nner und keine Familie um mich herum. 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